Eine Asyl-Odyssee, die alles ändern könnte

REFLEKT-Recherchen zeigen: Erstmals muss sich die Schweiz mit dem Fall eines abgewiesenen Asylsuchenden beschäftigen, der nach seiner Rückkehr in Eritrea gefoltert wurde. Weil ihm ein zweites Mal die Flucht gelungen ist, gerät das Staatssekretariat für Migration in Erklärungsnot.

Publikationen
4.5.2022, Republik:«Ein Asylfall der alles ändern könnte»
3.5.2022, 10 vor 10: «Ein Eritrea-Rückkehrer erzählt von Misshandlungen»
8.4.2020, REFLEKT: «Zurück in die Diktatur»

Seit Jahren wird in der Schweiz darüber diskutiert, ob abgewiesene Asylsuchende aus Eritrea gefahrlos in ihr Heimatland zurückkehren können. Oder ob ihnen dort schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Nun muss sich das Staatssekretariat für Migration (SEM) erstmals mit dem Fall eines Eritreers beschäftigen, der angibt, nach seiner Wegweisung aus der Schweiz inhaftiert und gefoltert worden zu sein. Das zeigen Recherchen, die wir in Kooperation mit dem Online-Magazin Republik und der SRF-Sendung «10 vor 10» publizieren.

Vieles weist darauf hin, dass das SEM die Aussagen des Eritreers als glaubhaft und ihn selbst als glaubwürdig einschätzt. Damit würde die Schweiz erstmals offiziell anerkennen, dass eine von ihr nach Eritrea weggewiesene Person nach der Rückkehr gefoltert und inhaftiert worden ist. SEM-Sprecher Daniel Bach äussert sich nicht zum Einzelfall, sagt aber: «Offensichtlich konnte glaubhaft gemacht werden, dass diese Person bei einer Rückkehr bedroht wäre. Wir müssen nun prüfen, ob im Verfahren eine Fehleinschätzung passiert ist.» Es könne aber auch sein, dass der Betroffene den Behörden wichtige Informationen vorenthalten habe. Sollte die Risikoeinschätzung falsch gewesen sein, müsste die Asyl- und Wegweisungspraxis überprüft werden.

Dass der Fall überhaupt geprüft wird, hängt mit der unwahrscheinlichen Odyssee des Eritreers Yonas* zusammen.

«Eine Chance, dass sein Fall aufgearbeitet wird, hat Yonas nur, wenn er es schafft, illegal erneut in die Schweiz einzureisen.» Mit diesem Satz endete im April 2020 die dreiteilige Eritrea-Serie, welche wir gemeinsam mit der Republik publizierten. Im Rahmen der REFLEKT-Recherche «Zurück in die Diktatur» hatten wir den damals 33-jährigen Eritreer nach seiner zweiten Flucht aus Eritrea in Griechenland aufgespürt und seine Geschichte rekonstruiert sowie verifiziert.

Doch solange er sich ausserhalb der Schweiz befand, interessierten sich die hiesigen Behörden nicht für seinen Fall. Nun hat es Yonas tatsächlich geschafft, erneut in die Schweiz einzureisen und ein zweites Mal Asyl zu beantragen. Mit der Inhaftierung und der Folter nach seiner Rückkehr sowie dem Besuch einer regierungskritischen Demonstration in Genf machte er neue Asylgründe geltend und reichte neben einer Registrierungskarte aus dem Sudan auch den Artikel ein, den REFLEKT und die Republik über ihn publiziert haben. Im Dezember 2021 erhielt Yonas Asyl und wurde als Flüchtling mit Status B anerkannt.

Das SEM geht also davon aus, dass er in Eritrea ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht haben muss, solchen Nachteilen aus­gesetzt zu werden. Viel mehr ist über den positiven Entscheid nicht bekannt. Sowohl Yonas als auch uns hat das Staatssekretariat Einsicht in die Begründung verwehrt – eine Praxis, die Usus ist und vom Bundesverwaltungsgericht gestützt wird.

Würde seine Erzählung von Inhaftierung und Verfolgung aufgrund seines politischen Engagements grundsätzlich angezweifelt, hätte Yonas kaum die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen erhalten. Inwiefern das SEM aber für den Fehlentscheid verantwortlich ist, bleibt fraglich. Yonas hat bei seinem ersten Asylgesuch widersprüchliche Aussagen gemacht und etwa nicht erwähnt, dass er an einer regierungskritischen Demonstration in Genf teilgenommen hat. Sprecher Daniel Bach weist darauf hin, dass das SEM auf korrekte und vollständige Angaben angewiesen ist, um die konkrete Gefährdung einer Person einschätzen zu können.

Ob die neuen Erkenntnisse die Asylpraxis verändern, ist unklar. «Die Praxis wird dann angepasst, wenn neue Erkenntnisse zur Bedrohungslage in einem Land vorliegen oder wenn das Bundesverwaltungsgericht einen Entscheid des SEM in genereller Weise korrigiert», heisst es von Seiten des SEM. Einen Wegweisungsstopp würde es dann geben, wenn man zum Schluss käme, dass alle Leute, die zurückkehren, konkret bedroht sind. Das sei aktuell nicht gegeben, sagt SEM-Sprecher Daniel Bach. «Selbstverständlich schauen wir uns aber den Fall an. Falls die Bedrohungslage anders geworden ist, könnte dies in letzter Konsequenz auch zu einem Wegweisungsstopp führen.» Es bestehe aber auch die Möglichkeit, dass dem SEM im Asylverfahren Informationen vorenthalten worden seien, die für die Einschätzung wichtig gewesen wären.

*Name zum Schutz der Person geändert

Eine ausführliche Version dieses Artikels ist ist am 4. Mai 2022 im Online-Magazin Republik erschienen. Die SRF-Sendung «10 vor 10» hat am 3. Mai über den Fall Yonas berichtet.

Im Podcast Hörkombinat:Politik spricht REFLEKT-Journalist Christian Zeier mit Dominik Dusek über die Hintergründe der Eritrea-Recherche:

Christian Zeier

Recherche & Text

Florian Spring

Fotografie & Video

Valentin Felber

Video

Kathrin Winzenried

Journalistin SRF

Republik

Redaktion & Publikation