Ein gefährliches Geschäft

Viele Pestizide, die der Chemiekonzern Syngenta herstellt, sind in Europa mittlerweile verboten, weil sie hochgiftige Stoffe enthalten. In Kenia gelangen sie durch ausgeklügeltes Marketing an Millionen von Kleinbäuerinnen und -bauern.

Rund eine Stunde Autofahrt von der kenianischen Hauptstadt Nairobi entfernt liegt ein kleines, eingezäuntes Stück Land, etwa halb so gross wie ein Fussballfeld. «Crop Protection Knowledge Center» steht am Eingang. Darin liegen perfekt hergerichtete und gepflegte Pflanzenbeete. Arbeiter mit Kremphüten, Schürzen und Gummistiefeln jäten und hacken Erde für neue Einsaaten. Mais, Tomaten, Weiss- und Grünkohl wachsen eindrücklich hoch und dicht. «Kleinbauern können hier einfach reinlaufen und sich ein Bild von unseren Produkten und ihrer Wirkung machen», sagt die Agronomin Jenninah Mbogoh, Senior Technical Field Scientist bei Syngenta Ostafrika. «Wir zeigen ihnen, wie sie produktiver werden und mehr aus ihrem Land rausholen.»

Wie muss der Anblick der prachtvollen Beete auf Kleinbäuer:innen wirken – nach vier Jahren, in denen die Regenzeit in vielen Regionen Kenias komplett ausgefallen ist, während der Schädlingsdruck kontinuierlich zunimmt. Die Preise für chemische Dünger sind derweil durch Pandemie und Krieg in die Höhe geschnellt. Millionen Kleinbäuer:innen können mit der mageren Ernte kaum noch überleben. Mit Syngentas hybridem Saatgut und den dazu passenden Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden (zusammengefasst: Pestiziden), die im Bündel angeboten werden, könne jedes Feld so aussehen: Das ist die Botschaft, die hier im «Knowledge Center» vermittelt wird.

Gegen Blattläuse – und Bienen

Auf farbigen Schildern stehen die Namen derjenigen Produkte, die zum eindrücklichen Ergebnis geführt haben: Pegasus, Engeo, Lumax, Score 50 EC und Voliam Targo. Alles Pestizide, die von Syngenta in Kenia breit vermarktet werden. Pegasus zum Beispiel wird gegen Blattläuse beim Kohl eingesetzt. Der darin enthaltene Wirkstoff Diafenthiuron ist für Bienen hochtoxisch und gilt nach der systematischen Klassifizierung des Pesticide Action Network (PAN) als «hochgefährliches Pestizid» für Umwelt und Mensch – im Fachjargon heisst das HHP. In der Schweiz ist sowohl der Einsatz als auch die Ausfuhr seit 2021 verboten. Engeo wird im Tomatenanbau als Insektizid gegen Blattläuse und Raupen eingesetzt und enthält die Wirkstoffe Lambda-Cyhalothrin und Thiamethoxam, Letzteres ein Nervengift, das in der EU und der Schweiz verboten ist, ebenfalls ein HHP.

Der Chemiekonzern Syngenta, der zwar 2015 von chinesischen Investor:innen übernommen wurde, seinen Hauptsitz aber in Basel hat, hält in Kenia einen Marktanteil von 20 Prozent. Zählt man den Absatz der Unternehmen Adama und Sinochem hinzu, die beide zur Syngenta Group gehören, sind es sogar 25 Prozent. Damit ist der Konzern klar Marktführer in Kenia.

Das geht aus einer am Mittwoch publizierten Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung in Nairobi hervor. Sie basiert auf detaillierten Daten eines US-Marktforschungsinstituts. Syngenta hat gemäss der Analyse in Kenia im Jahr 2020 544 Tonnen Pestizide im Wert von rund fünfzehn Millionen US-Dollar verkauft. 68 Prozent der in Kenia eingesetzten Pestizide werden vom PAN als HHPs klassifiziert. Zahlreiche Studien haben gezeigt: Viele dieser Wirkstoffe können Krebs, genetische Defekte und Unfruchtbarkeit verursachen oder ungeborenes Leben schädigen – vor allem, wenn sie ohne Schutzkleidung und unsachgemäss eingesetzt werden. Und sie töten Bienen, Fische und Bodenmikroben.

Publikation
Wochenzeitung, 14.9.2023: Das Gift für die Kleinbäuer:innen 

Dosierungen für Minibudgets

Syngenta fährt in Kenia zweigleisig: Einerseits richtet sich das Unternehmen an riesige, finanzstarke Farmen, technologisch hochgerüstet und mit Hunderten Hektaren Land, die vor allem Mais, Weizen und Schnittblumen produzieren; ein Grossteil davon ist für den Export bestimmt. Sie setzen tonnenweise Pestizide und Dünger ein und werden prioritär versorgt. Andererseits will der Konzern auch die Millionen Kleinbäuer:innen mit kleinem Budget erreichen, die sich alle paar Wochen ein Briefchen mit weissem Pulver oder eine Hundert-Milliliter-Flasche für einige Hundert Kenia-Schilling leisten können, um ihre Pflanzen vor dem zunehmenden Schädlingsdruck zu schützen.

Zwar versprühen Bäuer:innen auf dem afrikanischen Kontinent noch längst nicht so oft Pestizide, wie es in Südamerika, in den USA oder in Europa der Fall ist. Afrika macht nur fünf Prozent des globalen Pestizidmarkts aus. Doch die Wachstumsprognosen sind rosig: Es gibt auf dem Kontinent geschätzte 33 Millionen landwirtschaftliche Kleinstbetriebe. Allein zwischen 2015 und 2018 haben sich die Pestizidexporte nach Kenia mehr als verdoppelt.

«Kleinbauern sind ein grosser Markt für Syngenta, und die Konkurrenz unter Agrochemieunternehmen um diese Kundschaft ist gross», sagt James Nyoro, Vertriebsmanager für Kleinbäuer:innen bei Syngenta in Kenia. «Bayer, BASF und Corteva, alle wollen sie für sich gewinnen.» Früher hätten die wenigsten Kleinbäuer:innen Pestizide eingesetzt, sagt er. Die Produkte waren in den entlegenen Dörfern auf dem Land meist gar nicht verfügbar oder viel zu teuer: «Darauf haben wir reagiert.»

Marketing und Vertriebsnetz seien ausgebaut worden. Heute findet man die Produkte von Syngenta in Kleinstgeschäften in sämtlichen Regionen des Landes. Sie sind in den sozialen Medien präsent, werden im Radio beworben und auf T-Shirts und Caps, die als Werbegeschenke verteilt werden. Zudem hat Syngenta, wie zuvor bereits Bayer, Kleinstpackungen für Pestizide eingeführt. «Manche Packungen kosten nur einen US-Dollar und reichen genau für eine Pumpe», erklärt Nyoro. Eine Pumpe, das sind zwanzig Liter Pestizidlösung, was reicht, um etwa 0,1 Hektaren Land zu besprühen. Die Packungen sind damit perfekt an kleinbäuerliche Landverhältnisse und Budgets angepasst.

Dass die angepriesenen Produkte toxisch sind – daraus macht Syngenta im «Knowledge Center» keinen Hehl. Zwischen den Beeten stehen Schilder mit dem Hinweis, dass während des Sprayens Schutzkleidung getragen werden muss. Auf die Frage, ob Syngenta solche an die Kleinbäuer:innen verteile, antwortet Jenninah Mbogoh: «Nein, aber wir sagen ihnen, dass sie diese in den Landwirtschaftsshops in den umliegenden Dörfern kaufen können.»

Joshua Murimi ist der Besitzer eines solchen Shops in Kagio, einer fruchtbaren Region nahe des Mount Kenya, rund hundert Kilometer nördlich von Nairobi. Solche Geschäfte, die in Kenia «Agrovets» genannt werden, sind zentral für den kleinbäuerlichen Chemieeinsatz. Es gibt in Kenia Hunderte von ihnen. Sie bedienen die letzte Meile, über die Agrochemiefirmen ihre Produkte selbst noch in den abgelegensten Regionen an ihre Kundschaft bringen. Murimi steht in einem schlecht beleuchteten Raum aus Wellblech und Holz an der Theke. Hinter ihm hohe Regale mit Flaschen und Plastikgebinden von Syngenta, Bayer, BASF, Corteva und einer Reihe japanischer, chinesischer und indischer Pestizidproduzenten.

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«Keiner meiner Kunden hat das Geld, um sich Schutzausrüstung zu kaufen», sagt Murimi, «hier spritzen praktisch alle ungeschützt.» In seinem Agrovet gibt es weder Handschuhe noch Schürzen oder Masken. «Niemand würde sie kaufen», sagt er. Wer in Armut lebe, habe andere Sorgen. Und selbst wer es sich leisten könne, verzichte oft auf Schutzkleidung, weil bei hohen Temperaturen das Risiko von Dehydrierung oder eines Hitzschlags gross sei. Von sechs im Rahmen dieser Recherche besuchten Agrovets in unterschiedlichen Landesteilen Kenias hatte kein einziger eine Schutzausrüstung im Angebot; in keinem der besichtigten kleinen Landwirtschaftsbetriebe trugen die Bäuer:innen während des Sprühens Schutzkleidung. Von 540 Bäuer:innen in Kenia, die die Agrochemicals Association of Kenya (AAK) befragte, gaben nur fünfzehn Prozent an, beim Spritzen eine vollständige Schutzausrüstung zu tragen.

Murimi zeigt uns die Syngenta-Produkte, die er im Sortiment führt, etwa Engeo 247SC, das in der EU und der Schweiz verboten ist. Er wisse genau, wie toxisch die Stoffe in seinem Geschäft seien, sagt Murimi. Er ist gelernter Agronom – und damit unter den Agrovet-Betreiber:innen eine Ausnahme: «Von den sechzig Shops in meiner näheren Umgebung werden höchstens fünf von Leuten geführt, die eine entsprechende Ausbildung haben», sagt er. Das Wissen über den Einsatz und die Gefahren der verkauften Produkte stamme meist einzig von den Agrochemiefirmen. «Sie laden uns für Produktpräsentationen in gute Hotels mit reichhaltigen Buffets ein und versuchen, uns davon zu überzeugen, dass ihre Produkte die besten sind. Es geht um Verkauf, nicht um Sicherheit.»

Gegen Doppelstandards

In Kenia arbeiten rund drei Viertel der Bevölkerung zumindest teilweise in der Landwirtschaft, als Erntehelfer:innen auf Grossfarmen oder als selbstständige Bäuer:innen, meist mit weniger als einer halben Hektare Land. Die meisten produzieren für den Eigenbedarf und verkaufen Überschüsse auf den lokalen Märkten. Rund die Hälfte der Gesamtbevölkerung ist von Armut und Ernährungsunsicherheit betroffen. Wie gross die gesundheitlichen und ökologischen Schäden durch die Pestizide sind, ist schlecht erforscht; qualifizierte Langzeitstudien fehlen. Eine Gruppe von Wissenschaftler:innen in Kenia hat daher in einer Metastudie das global verfügbare Wissen zu Wirkstoffen zusammengetragen, die in Kenia zugelassen und in vielen europäischen Ländern verboten sind.

Victor Ng’ani war einer von ihnen. Er ist ein praktizierender Arzt, der sich seit Jahren für die Verbesserung des öffentlichen Gesundheitssystems engagiert. «Während wir an unserer Überblicksstudie arbeiteten, publizierte der Lobbyverband der Pestizidimporteure eigene Studien, die belegen sollten, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt», berichtet Ng’ani. «Doch wer sich als Arzt die verfügbaren Daten anschaut, der kriegt es mit der Angst zu tun.» In den 311 Pestizidprodukten, die im Jahr 2020 in Kenia eingesetzt wurden, finden sich Wirkstoffe, die den Hormonhaushalt schädigen, die genetische Veränderungen herbeiführen, solche, die das Nervensystem schädigen und Krebs verursachen können. Laut Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung gelten 76 Prozent der in Kenia eingesetzten Pestizide, gemessen am Volumen, nach PAN-Klassifizierung als hochgefährlich; 44 Prozent sind in der EU verboten.

«Unsere Statistik zeigt, dass die Krebsraten in Kenia in den vergangenen Jahren stark angestiegen sind», sagt Ng’ani. «Weshalb, wissen wir nicht genau. Was wir jedoch wissen, ist, dass viele Pestizide, die bei uns verkauft werden, im Westen vom Markt genommen wurden, weil zahlreiche Studien auf ihr karzinogenes Potenzial hindeuteten.» Ng’ani macht sich nicht nur Sorgen um die Bäuer:innen, sondern auch um die Gesundheit der Konsument:innen: «Unsere Böden sind teils stark mit Chemikalien belastet, und diese landen am Ende wieder in der Nahrungskette.» Hinzu komme, dass viele Bäuer:innen die vorgeschriebenen Pausen zwischen Spritzen und Ernte nicht einhielten, damit das Gemüse beim Verkauf möglichst gut aussehe.

2018 hat das kenianische Pflanzenschutzinspektorat 1139 frische Lebensmittel beprobt. In 46 Prozent der Proben wurden Pestizidreste gefunden, in 11 Prozent in einer dermassen hohen Konzentration, dass sie nicht in die EU eingeführt werden dürfen. Lebensmittel für den EU-Markt wurden in der Vergangenheit oft wegen zu hoher Pestizidwerte am Zoll zurückgewiesen. Für den heimischen Markt hingegen gibt es weder regelmässige Kontrollen noch klare Obergrenzen. Die Gifte landen direkt auf dem Teller. Syngenta schreibt auf Anfrage, dass das Unternehmen eng mit den kenianischen Behörden zusammenarbeite, um sicherzustellen, dass zugelassene Produkte korrekt angewandt würden, und verweist auf sein «Stewardship-Programm» zur Schulung von Kleinbäuer:innen für den sicheren Pestizideinsatz. Für den Export spiele es keine Rolle, ob das Pestizid in der Schweiz zugelassen sei.

Diese Recherche ist am 14. September 2023 in der Wochenzeitung WOZ erschienen und wurde durch den Medienfonds von «real21 – die Welt verstehen» finanziell unterstützt.

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